Ulkiger Kreuzberger Küchentisch



Der Regen prasselte gegen die Fensterscheiben seines Altbauzimmers in Kreuzberg.

Seit Tagen jetzt war es am Pissen. Doch das störte ihn gar nicht. Endlich mal ein Grund, die eigenen Vierwände nicht für irgendeine Bar oder Club zu verlassen. Endlich hatte er mal wieder die dreckige von der sauberen Wäsche getrennt, sein Bett neu bezogen, sein Handtuch gewaschen und den Boden seines 11qm Zimmers gesaugt und gewischt.

Er hatte endlich mal wieder die Zeit gefunden zu malen, zu kritzeln und zu zeichnen. Auch zum Reflektieren hatte endlich mal wieder die Zeit gefunden. Dieses ganze Eindruckschaos der letzten Monate irgendwie zu sortieren. Dabei viel ihm auf, wie verschwommen die ganzen Erinnerungen ans letzte Jahr eigentlich waren. Konnte ja eigentlich auch gar nicht anders sein. Von Party zu Party, von Rausch zu Rausch stolpert er jetzt schon viel zu lange vor sich hin. Seine Mitbewohnerinnen aus der Heimat waren nun schon im dritten Semester. Das Design-Studium hatte er schon wieder aufgegeben. Wie auch schon das Politikwissenschaftsstudium, dass er im Jahr zuvor begonnen hatte. Regungslos beobachtete er, die Regentropfen sein Fenster hinunterkullern.

Versunken in seinen Gedanken, klopfte es an seiner Tür. „Ja?“, fragte er verdutzt. Die Beiden klopften eigentlich nie, sie redeten eigentlich nicht mal miteinander. Annika, die, welche er von beiden noch ein wenig lieber mochte, betrat sein Zimmer. „Wow“, sagte sie, „du hast ja endlich ma’ aufgeräumt“, scherzte sie. „Was gibts?“, grunzte er genervt. „Melanie ist grad abgedüst, die besucht ihre Eltern“, sagte Annika unsicher, „und da wollte ich fragen, falls du heute wieder nicht Feiern gehst, ob wir eventuell was kochen wollen?“. Etwas kochen? Mit ihm? Er dachte immer, die beiden wollten nichts mit ihm zu tun haben. Sie waren ja doch sehr unterschiedlich. „Klingt eigentlich ganz nett. Ja, gerne!“, antwortete er.

„Schön, dann bereit ich schonmal vor, ich hab ’nen Mörder Kohldampf!“, sagte sie und ließ die Tür geräuschlos hinter sich ins Schloss fallen.

„… Einen Mörder Kohldampf!“, wiederholte er mit einem schmunzeln, „Oh Mann wer sagt sowas!“, dachte er. Er schmiss sich ein sauberes Tanktop über seine tätowierten Schultern und folgte Annika in die kleine Küche.

Dort war bereits der Kochprozess im Gange, es duftete nach …

es duftete nach etwas, dass er lange nicht mehr gegessen hat … nach Schnitzel.

Lächelnd fragte er, ob sie wusste, dass Schnitzel sein Lieblingsessen sei. Lachend schüttelte Annika den Kopf und fragte: „Alter, welcher Junge liebt keine Schnitzel?“, wo sie recht hat, hat sie recht.

„Du musst sie eigentlich nur noch braten, die Kartoffeln für den Kartoffelbrei sind auch schon aufgesetzt!“. „Klar mach’ ich, danke!“, er lächelte. Während er die Kartoffeln hin und wieder mit einer Gabel anstach, um zu schauen, ob sie fertig waren, schweiften seine Gedanken wieder ab.

Das Lächeln, dass er eben gelächelt hatte, war eines der ersten ehrlichen, seit seinem Umzug nach Berlin. Woher er das wusste? Ihm war es vor diesem Lächeln noch nicht bewusst gewesen, aber er hatte verlernt wirklich ehrlich zu lächeln, bis zu diesem Lächeln eben. Ihm wurde klar, dass die Menschen, die ihm in Clubs, Bars und Partys begegneten, zwar meist auch alle lächelten und lachten, aber das Lächeln eben, gab ihm ein Gefühl von Ruhe und Geborgenheit. Zum ersten Mal seit Monaten fühlte er sich mal wieder so richtig gut. Keine Kopfschmerzen, keinen Kater, keine schmerzenden Füße. Er nahm die Kartoffeln vom Herd. Gab ordentlich Butter und Milch dazu und begann das Stampfen. Eigentlich komisch dachte er, dass erste ehrliche Lächeln hier in Berlin hab ich in einer stinklangweiligen Lebenssituation erlangt. Die Art Lebenssituation, die er eigentlich in der Heimat hinter sich lassen wollte. Allen wollte er doch eigentlich zeigen, dass Berlin ganz anders ist, ganz anders und cool, ein geiles Leben im Chaos der großen Stadt war immer sein Ziel gewesen. Er stellte den Topf mit dem Kartoffelbrei in den Ofen, um ihn auf Temperatur zu halten. Reichlich Butter erhitzte er in der Pfanne und begann ein Schnitzel nach dem anderen liebevoll in der schaumig goldenen, 180 Grad heißen Butter zu wenden. Er schaute zu, wie sie aufgingen und die Panade sich unter dem Druck des heißen Öls leicht vom Fleisch löste und zu einer wundervollen Luftblase wurde. Er liebte Schnitzel. Schon immer, ob mit Mama, Oma, Tante, auch mit seinem Bruder hatte er schon oft welche gemacht. Seinen Bruder, den er wohl am meisten vermisste.

Ein Klicken von einem Feuerzeug riss ihn aus der Vergangenheit. Er schaute sich um, neben ihm stand Annika und hielt ihm einen Joint unter die Nase. „Du kiffst?“, fragte er immer noch, mit dem Kopf nicht ganz anwesend. „Hin und wieder, nicht so wie du.“, er nahm den Joint, nickte als Dank und zog genüsslich. Er pustete aus, schaute Annika an und fragte: „Das schmeckt wie meins … woher hast du das?“, sie lachte, „hab ich grad aus deinem Zimmer stibitzt, wie gesagt ich kiff selten und hab grad nichts da, aber fand’s angebracht heute mal zusammen zu qualmen, hoffe, das war okay?“, „Klar“, sagte er schmunzelnd.

Nachdem er das letzte Schnitzel aus der heißen Pfanne gehoben hatte, legte er sie schön auf einen Teller.

Die Schnitzel und Kartoffelbrei brachte er an den ulkigen alten Küchentisch. Sie beide aßen genüsslich und lachten bis tief in die Nacht.




Von Noah Nelson Nash



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