Tattoos statt Therapie

Tattoos statt Therapie


1. Wein doch mal


„Ein Mann weint nicht!“, „Schmerzen musst du schlucken, wie ein Mann!“, „Sei keine Pussy, heul nicht herum!“ 


Ich glaube dies sind alles Floskeln, die jeder junge Mann in seinem Leben schonmal sowohl gesagt bekommen, als auch selber gesagt hat. 

Wieso dürfen wir nicht? 

Wir dürfen! Wir tun es nur viel zu selten. Zu selten hab ich in der Pubertät mein wahres Gesicht gezeigt und mit Freunden über meine wirklichen Gedanken und Probleme geredet. Zu lange hab ich mich gegen Offenheit und Verletzlichkeit gewährt. Warum? Ich kann es euch sagen. Jeder junge Mann würde gerne immer vor seinen Homies wirklich er selbst sein und die Jungs auch mal mit Rotz und Wasser voll heulen, aber nur die wenigsten trauen sich. Zu groß ist die Angst, nein auch die Gefahr, dass dieser Funken Verletzlichkeit gegen einen verwendet wird und als schwach abgestempelt wird. Leider war das eine meiner größten Ängste, schwach sein. Ob in der Schule oder im Verein, man versucht sich immer zusammenzureißen, man versuchte der starke, coole Junge zu sein, der immer und überall dabei ist. Man verschließt das kleine verletzliche unwissende ich hinter ganz vielen Riegeln, welche sich über die Jahre durch toxische Männlichkeit im Alltag vor das Herz und die Gefühle geschoben haben. 


Manche Riegel sind leichter wieder zu öffnen, manchmal liegt der Schlüssel direkt neben dir. Andere Riegel sind da hartnäckiger, manche Riegel sind richtige Wichser.


Manch Riegel gehen nicht mit Schlüsseln auf, manche gehen nur wieder auf, wenn du die toxische Männlichkeit, die sich im Laufe deiner Jugend eingebrannt hat, Schritt für Schritt wieder loswirst. 


Der erste Schritt für mich war eigentlich ganz einfach. Weinen. Einfach weinen. Ganz egal, ob vor Trauer oder Freude, weinen reinigt die Seele von dem, was herausmuss, so fühlt sich weinen für mich zumindest an. 


Weine ich oft? Immer noch zu selten.

„Pass auf, sonst wirst du noch zur Heulsuse.“ 





2. Therapie? Haha.


„Therapie ist was für depri Kids.“, „Du hast so ein privilegiertes Leben, du brauchst doch keine Therapie!“, „Anderen gehts doch viel schlechter.“, „Augen zu und durch!“


Auch dies sind Sätze, die ich schon oft gehört habe. Nicht von Freunden oder Familie, wie denn auch, die wissen ja gar nicht, dass einem der Gedanke von Therapie gekommen ist, nein sowas hört man am häufigsten von sich selbst.

Warum sagt man sich das? Weil man nicht schwach sein möchte, weil man nicht verletzlich sein möchte.


Wie traurig ist es eigentlich den ganzen Tag seinen Fokus daraufzusetzen stark, cool, furchtlos, „männlich“ zu sein. Und wofür? Dafür, dass man irgendwann platzt und einfach nicht mehr kann? Dafür, dass man sich hinter dem Charakter, den man spielt, selbst nicht mal kennt?


Bei mir war das sehr Bubble abhängig, je weiter ich mich von den Fußballern und den Säufern entferne, umso mehr spüre ich wie ich meine Gefühle akzeptiere, sie zulasse, mich mit ihnen beschäftige und vielleicht auch versuche etwas zu ändern, damit mein Gefühlszustand wieder in eine andere Richtung schwankt. 


Einfach ist es trotzdem nicht. 



Hab ich mich schon um einen Therapieplatz gekümmert? 


„Therapie? Haha, ich doch nicht.“





3. Fühlen, ohne zu reden.

„Also mir tun Tattoos gar nicht mehr weh.“, „Ein neues Tattoo ist wie Therapie.“, „Ein Tattoo zu bekommen hat was so krass meditatives.“

So schaffe ich es mir immer wieder ein weiteres Tattoo auf meiner Haut zu legitimieren. Klar geht es in erster Linie darum, ein neues Motiv auf dem Körper zu tragen. Aber der Fakt, dass Tattoos und das Tätowieren auf mich eine meditative Wirkung haben ist undeniable.

Wieso kümmerst du dich nicht um einen Therapieplatz?

Ich würde sagen, ich bin zurzeit in Therapie. Nicht bei einem Therapeuten, da müsste ich ja über meine Probleme und Struggles reden und dafür bin ich noch nicht bereit. Ich bin nicht ready, mit einem wildfremden Menschen über mich und mein Leben in diesem Ausmaß zu plaudern. 

Ich schaff’ es ja immer noch nicht, mit allen Homies über alles zu reden. Zwar hab ich verstanden, wie scheiße, es ist alles in sich hineinzufressen, abgelegt hab ich’s aber trotzdem noch nicht.

In solchen Momenten, Momenten der Hilflosigkeit, des Selbstzweifels, des Hinterfragens und Reflektierens habe ich für mich etwas gefunden, was mich von meinen Gedanken ablenkt. Genauer gesagt sind es 2 Dinge. Die erste Sache ist Cannabis. Doch da habe ich gemerkt, im Gegensatz zur zweiten Sache, den Tattoos, ist Cannabis das deutlich größere übel.

3.1 Tätowiert werden und tätowieren

Für mich ist das Erhalten eines Tattoos die perfekte Mischung aus Schmerz, Adrenalin und am Ende, wenn das Motiv fertig in der Haut ist, Zufriedenheit und Ruhe. Es gibt keinen Moment, bei dem mehr Stille in meinen Gedanken herrscht, als wenn ich ein neues Motiv zum ersten Mal im Spiegel sehe. Das neue Motiv, mit dem ich jetzt eine Beziehung bis ans Ende meines Lebens führe, weil anders als viele Dinge im Leben: Tattoos bleiben. Für immer.

Und seit dem ich angefangen habe selber meine Kunst unter die Haut anderer zu stechen, hat mich genau dieser Moment, wenn die Kundinnen sich das Tattoo zum ersten Mal richtig anschauen, im Spiegel, alles wird still und man wartet … Bitte, bitte finde es gut.

Dieser Moment bis zur Reaktion der Kundinnen fühlt sich jedes Mal an wie eine eternity, aber wenn man ein Lächeln oder gar ein Freudenstrahlen im Gesicht der Kundinnen sieht, dann entspannt sich der ganze Körper zum ersten Mal, seitdem man die Maschine in die Hand genommen hat. Die Energie, die in diesem Moment durch meinen Körper fließt, ist unbeschreiblich. 

Andersrum kann dieser Moment auch der Bruch für jeden Amateur sein. 

Und das bin ich, ein Amateur.

Aber denk dran, jeder macht Fehler.


Also nicht nur tätowiert werden, ist wie Therapie, auch tätowieren ist wie Therapie. 


Eine Therapie, nur ohne zu reden, dafür voll von Gefühlen. Das Geile an dieser Therapie ist, dass man alle Gefühle in einer Session injiziert bekommt. Von der Vorfreude, der Unsicherheit, der Angst, dem Schmerz, zur Erlösung, bis hin zum Höhepunkt. Der Moment vor dem Spiegel …


Das Problem an dieser Therapie ist. Sie ist eigentlich gar keine Therapie. Sie ist nur eine weitere Ablenkung, eine weitere anderweitige Stimulation des Körpers und des Geistes, um den eigentlichen Problemen, den eigentlich echten Gefühlen, die irgendwo hinter irgendwelchen Riegeln vor sich hin gären und immer giftiger werden, aus dem Weg zu gehen.

Einige Riegel bekomme ich grad nicht gelöst.

Hmm ein Schlüssel wäre auch ein cooles Motiv.



Tattoos statt Therapie.


Von Noah Nash













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