Hör auf zu labern

Hör auf zu labern.


Ich kann es nicht mehr hören. All die Ideen, die wir haben, all die Dinge, die wir machen wollen, die dann doch wieder im Meer der Gedanken ihren Wert verlieren. Warum? Warum machen wir nicht einfach? Warum reden wir nur? Weil wir Kiffer sind.


Das wäre die einfachste, die simpelste Antwort.


(Ich werde hier immer wieder zwischen der Ich und der wir Form springen. Weil ich glaube, dass du dich in manchen Absätzen so besser wieder finden wirst.

Wenn du dich in den in der Ich-Form verfassten Sätzen wiederfindest, dann gehts dir beschissener als du denkst.)


Ich mache nichts Neues, weil ich zu viel kiffe.


Ja, das stimmt auch so … zum Teil.


Die Frage warum ist hier schon richtig, aber sie sollte in einem anderen Kontext gestellt werden. Sie sollte zunächst lauten, warum kiffst du? Oder weiter, warum kiffst du so viel, dass du nichts mehr Neues machst?


Gute Frage. Noch weiß ich es auch nicht. Aber vielleicht geht mir ja beim Schreiben heute endlich ein Licht auf. Wenn nicht? Auch egal, das wäre der gewöhnliche Outcome.


Ich war eigentlich nie ein Kiffer. In meiner Jugend war ich eher in den klassisch toxischen Fussballgruppen unterwegs. Auch nicht meine Welt.


Doch was ist meine Welt?


Ich möchte frei sein, ich habe Angst davor, irgendwann eingeboxt und unglücklich den Tasks eines 9 to 5 Jobs hinterherzulaufen. Mehr weiß ich noch nicht.


Wie bin ich hier gelandet?


Früher hab ich ab und zu mal 'ne tüte oder zwei geraucht, heute vergehen selten Tage an denen mein Konsum mich nicht 10–20 Euronen zurücksetzt. Verdammt viel Geld für einen 21-Jährigen, Studierenden der nicht studiert und stand jetzt auch keinen Job hat. Nicht mehr, ich hab in einem Irish Pub gearbeitet, aber irgendwie geht mir die Gastro gehörig auf die Eier.

Die Schäden meines Cannabis Konsums, der seit meinem bestandenen Abitur exponentiell in die Höhe ging, zeigen sich auch noch nicht. Jedenfalls noch nicht sichtlich, noch nicht äußerlich, auch gefährlich. Auf Papier ist eigentlich alles gut. Ich werde jetzt mit Fotojournalismus an der deutschen Pop anfangen, cool.

Doch hier machen sich zum ersten Mal die Cannabisauswirkung auf mein Ich bemerkbar. Der Selbstzweifel, der ohne Zweifel mit in einem jedem von uns schlummert, ist womöglich bei uns Kiffern nochmal höher als bei anderen, nicht von Grund auf, sondern des Kiffens wegen. Aber dass wir aufhören sollten zu kiffen, um eventuell wieder auf ein normales Level der Social anxiety Skala zu kommen, gelangt nicht in unseren Kopf. Nein, viel schlimmer, wir reden uns ein, vor möglichen sozialen Stresssituationen sei ein Joint genau das, was wir jetzt bräuchten. Und dann verfluchen wir uns, wenn die Realisation hittet, dass wir uns gerade wieder selber angelogen haben, um unseren Konsum zu legitimieren.


Und so geht es uns jeden Tag. Also wenn jemand Cannabis, wie ich es auch einst getan habe, zu sehr in den Himmel lobt und sagt wie toll und heile die Welt wäre, wenn alle Kiffer wären, dann erinnert euch an, was ich gerade geschrieben habe und merkt auch, dass auch Cannabis deinen Kopf im Griff hat. Irgendwann, wenn du nicht vorsichtig bist. (Das heißt jetzt aber nicht, dass die Welt nicht wirklich chilliger eingestellt wäre, wenn jeder ab und an bewusst 'ne Tüte durchziehen würde, haha.)


Cannabis kann so vielen Menschen positiv im Leben helfen, tat es mir ja auch, aber ich habe jetzt verstanden, dass übermäßiger Konsum von, egal was, dich irgendwann zu sehr einnimmt, zu sehr deinen Alltag bestimmt.


Wir Kiffer haben noch ein großes Problem, jeder von euch, der eigentlich ein kreatives Ich besitzt und zu oft 'nen Büggel zwischen den Fingern hat, weiß genau, was jetzt kommt.

Wir haben Ideen wie Sand am Meer, aber kein Durchhaltevermögen, wenn es darum geht diese kreativen Ideen, beispielsweise Projekte, etc., zu verwirklichen. Und das liegt einzig und alleine daran, dass wir kiffen.







Gefangen zwischen Ideenmeer und Umsetzungsängsten


Nichtmal ein Projekt, das unsere Sucht sogar in etwas Positives wandeln könnte, beziehungsweise das unsere Sucht zu einer produktiven Tätigkeit werden lässt, krieg’ ich fertiggebracht.

Damit meine ich jetzt speziell eine von meinen Ideen, die nun schon seit fast 2 Jahren in meinem Kopf herumschwebt, aber ich’s einfach nicht gebacken krieg.

Eigentlich simple. Ein Podcast. Ein Podcast, den man sich anhören soll, wenn man zu Hause abends alleine eine Tüte raucht, aber nicht das Gefühl haben will alleine zu sein.


Quasi soll der Podcast aus einem Cast von 2 bis 3 Leuten sein, die häufig bis immer dabei sind, dann kommt jedes Mal ein neuer Gast mit dazu. Jeder dreht sich mit dem Beginn der Aufnahme einen Joint, so auch der Hörer, währenddessen wird entspannt geplaudert, der Gast erzählt, wer er ist, was er macht, vielleicht kurz was zu seinem Konsum verhalten, dann soll der Fokus allerdings wieder auf die Projekte, die nebenbei laufen gerichtet werden. Der Podcast geht auch nur solange, bis der letzte Joint aus ist. So kann ein wöchentlicher Hörer, wenn er abends nicht alleine sein möchte bei einem Joint, spontan in eine Kiffer runde einsteigen, und lernt den Cast über die Folgen besser kennen. Er ist quasi ein Teil der Runde.


Ja, eine Idee, die mich als Kiffer eigentlich glückselig machen müsste, weil ich eben ein Projekt als Grund für den Konsum hätte. Aber nichtmal das krieg’ ich hin, weil ich kiffe.


Ich glaube nicht mal, weil ich zu faul bin den Podcast anzufangen. Ich glaube eher, weil die Angst zu versagen nicht mehr auf der Skala des Durchschnittsmenschen liegt, sondern durch den Konsum für uns nicht zu überwältigen scheint, und die Résistance uns schließlich niedermacht und unsere Ideen verpuffen lässt. (Ich habe hier den Begriff Résistance gewählt, weil Steven Pressfield in seinem Meisterwerk: „War of Art“, von Résistance bei Artists spricht und dieses Buch für mich den Stein der Selbstreflexion ins Rollen gebracht hat.)

Eigentlich einfach, Cannabis weglassen und ich hätte keine Probleme mehr, oder?

„Alter lass mal 'ne tüte Piefen und dann sind die Probleme eh vergessen.“

Genau. Vergessen. Nicht gelöst. Und es geht auch 'ne Zeit gut, seine Probleme zu vergessen. Wie eine Freundin von mir in einem Text von ihr schön formuliert hat, „… Mit ernst sind die Themen gemeint, die bei den Erdmännchen tief im Herzen schlummern. Darüber wird höchstens gesprochen, wenn ein Erdmännchen vor lauter Bier doch mal den Weg zu seinen Gefühlen gefunden hat, die dann ganz unkontrolliert aus ihm heraussprudeln.“


Sie benutzt hier das Erdmännchen als Bezeichnung für toxisch maskuline Männer, und auch wenn ich glaube, dass ich mich langsam von ihr befreie, merke ich, dass sie doch noch mehr mit in mir schlummert als mir lieb wäre. Ich bin halt nicht der Klassiker, ich trink’ halt nicht, um meine Probleme zu vergessen, ich rauch halt. Beides scheiße. Ich blicke immer mit angeekeltem Blick auf die Säufer in meinem Alter und denk mir wie eklig dieser übermäßige Suff ist. Und hab dabei nicht gemerkt, wie ich zu jemandem geworden bin, bei dem anders gesinnte den Kopf schütteln, wenn sie mitkriegen, wie sehr Cannabis zur Alltagssubstanz in meinem Leben geworden ist.


Also Warum Kiffe Ich?


Weil ich Angst habe vor dem neuen, dem Unbekannten? 

Weil ich unterbewusst das Kiffen als Ausrede nutzen kann für mein Versagen? 

Oder doch nur weil ich noch Jung bin und ich mich grad noch selbst kennenlerne?

So viele Fragen auf die ich noch keine Antworten habe.

Ich weiß jedenfalls, wir müssen aufhören zu labern.




Ich mein, ich kiff grad, während ich diesen Text schreibe. Wie kann man sich nur so krank widersprechen.


„Hilft mir beim Schreiben …“













Hör auf zu labern


Von Noah Nelson Nash

























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