Ein letztes Bier in Bayern


Es war einmal ein junger Mann, er hieß Michel. Michel fühlte sich schon immer irgendwie unwohl in seinem kleinen Dorf unweit von München, im Herzen Bayerns. Eine Kirchweih hier, ein Volksfest dort. Natürlich trugen alle willig ihre Lederhosen und Dirndl, sobald es der Anlass zuließ.

Doch diese engen, unbequemen ledrigen Fetzen waren Michel noch nie geheuer. Auch die komischen Trachten-Hüte, die Hemden und Westen, er verstand nicht, weshalb alle so einen Turn darauf hatten, endlich wieder die Tracht auszupacken und Saufen zu gehen.

Trotzdem war Michel natürlich immer dabei. Man kann ja sonst nichts machen, in dem kleinen bayrischen Dorf, in dem Michel schon sein ganzes Leben verbrachte.


Als einer von wenigen ging Michel aufs Gymnasium im Nachbardorf. Er wollte hier irgendwann raus. Die anderen Kids redeten von Häusern, die sie in der Straße ihrer Eltern mit ihrer jetzigen Freundin bauen wollen. Doch während seine Freunde anscheinend schon alles durchgeplant hatten und sie auch zufrieden damit schienen einfach dazubleiben, machten Michel solche Aussagen immer Angst. Hier Alt werden? Für immer aufs Volksfest, dass nur zwei Mal im Jahr stattfindet hinfiebern. Nein. Er musste hier irgendwann raus.


So entschied er sich nach seinem bestandenen Abitur in die weite Welt hinauszuziehen und sein kleines Dorf in Bayern hinter sich zu lassen.




1. Studium


Doch die Welt da draußen war anders als Michel dachte.

Er zog zunächst für sein Studium, Multimedia, nach Köln. Raus aus Bayern, aber immerhin noch dieselbe Sprache, in Englisch war Michel leider nie gut gewesen, wie auch, alle Englisch-Lehrer, die er je hatte, sprachen mit dem komischsten Bayrisch/ Denglischem Akzent, keine Chance hier gutes Englisch zu lernen.

In Köln fand Michel ziemlich schnell Freunde, alles Leute aus dem Umkreis Kölns oder zugezogene, die meisten wie er. Junge Menschen aus ländlicheren Regionen, die es aus Langeweile in eine große Stadt gezogen hat, um aus dem Schneckenhaus auszubrechen.

Alles liebe Menschen. Doch nach dem Studium in Köln verflossen diese Freundschaften, die Michel im Studium so geschätzt hatte. Alle hatten zu tun. Die meisten fingen gleich an zu arbeiten, andere begannen einen Master. Michel, der zum Ende des Studiums gemerkt hatte, dass Multimedia wohl doch nicht so ganz sein Ding ist, stand nun da, mit 23, einem Bachelor und ohne Plan.




2. Kölsch schmeckt kacke


Zum ersten Mal in seinem Leben wusste Michel nicht, was er mit sich anfangen sollte. Bis jetzt hatte er immer ein Ziel. Zunächst das Abitur als Ticket raus aus seinem Dörfchen, dann das Studium, das er mit Bravour bestand. Jetzt war er ziellos.

Es war eigentlich ein ganz normaler Dienstag, Champions League Abend, Bayern duellierte sich mit Real Madrid. Bayern München, die Liebe zu diesem Fußballverein, war das einzige, was Michel niemals verlieren würde. So sehr er sich freute aus Bayern weggezogen zu sein, er verfolgte die Bayern, nicht nur aus eigener Interesse, sondern er wusste auch, wenn die Bayern gewinnen, war in seinem Elternhaus alles beim alten. Der Vater und die Brüder waren glücklich. Wenn der Vater glücklich war, war es die Mutter auch. Er saß also in seiner Stammkneipe, alleine, die anderen konnten mal wieder nicht, er schrieb noch irgendetwas in die Familiengruppe, bestellte ein Kölsch und starrte auf den Fernseher.

Doch heute schmeckte das Kölsch irgendwie kacke. Sonst mochte er die kleinen süßen 0,2er-Bierchen sehr gerne. Nur heute sehnte er sich nach etwas, das er schon lange nicht mehr hatte. Ein gutes kühler Augustiner. 3:0 gewannen die Bayern. Das war ein Statement, zu Hause in der Allianz-Arena Madrid so souverän aus dem Stadion zu schießen, eigentlich sollte Michel überglücklich sein. Doch heute ging Michel, nach dem Spiel wortlos, nachdem er sein letztes schlecht schmeckendes Kölsch geleert hatte, nach Hause. Er vermisste Bayern, er vermisste sein Dorf, er vermisste seine Eltern, seine Brüder. Zu gerne hätte er diesen Sieg nun wie früher auf der Terrasse bei 2–3 Gustln mit ihnen gefeiert.




3. Kaum zu Hause.


Am nächsten morgen sprang Michel auf den ersten Regionalzug nach München.

2-mal hatte er sich nur während seines Studiums zu Hause blicken lassen. Nicht weil er seine Familie nicht auch vermisste, er konnte einfach nicht so oft an diesen Ort zurückgehen, weil er ihm, so fühlte es sich für Michel zumindest immer an, das Leben aus ihm saugte.

Doch dieses Mal war es anders. Er freute sich auf die Langeweile. Die hatte er ja zurzeit auch in Köln. Er freute sich wie früher die Langeweile mit seinen Brüdern teilen zu können.


In München musste er umsteigen. Er rauchte noch eine Zigarette und stieg in die Bimmelbahn zu ihm ins Dorf ein.

Alles genau wie damals. Er stieg am Bahnhof aus, 5 Minuten lief er vom Bahnsteig bis zu seinen Eltern. Nur am Sportplatz und dem Kindergarten vorbei und schon war er da. Nichts, wirklich nichts hatte sich verändert. Dieselben löchrigen Netze an den Toren, immer noch nur 3 Eckfahnen. Auch der Spielplatz des Kindergartens war noch mit denselben Spielgeräten ausgestattet, welche als Michel klein war, schon veraltet waren.


Er klingelte. Seine Mama machte auf und fiel ihm um den Hals, noch nie war Michel unangekündigten vorbeigekommen. Normalerweise musste sie um einen Besuch von ihrem ältesten Sohn betteln.


Kaum zu Hause, stand schon das kühle Augustiner vor jedem Familien-Mitglied, Mama hat für jeden beim Wirtshaus vorne beim Sportplatz ein Schnitzel mit Pommes geholt, sie redeten über das gestrige Spiel, lachten und genossen den Abend, wie als wäre Michel nie weggegangen.




4. Keine Spur des Weiterkommens.


Genau. Es fühlte sich an, als wäre er nie weg gewesen. Als wäre er keinen step weiter als vor 4 Jahren als er diesen Ort verließ, um in die weite Welt zu ziehen. Klar, jetzt hatte er einen Abschluss mehr in der Tasche. Aber ’nen richtigen Plan gab es nicht. Wieder lief ihm ein eiskalter Schauer über den Rücken, bei dem Gedanken daran, dass er gescheitert sein könnte. Dass sein

Schicksal womöglich doch hier liegen könnte, hier in diesem kleinen langweiligen Kaff mitten in Bayern.




5. nichts wie weg.


Er blieb ein paar Tage, bis er es schließlich doch nicht mehr aushielt und er erneut seine 7 Sachen in eine Tasche stopfte, die Treppe ins Wohnzimmer herunterschlich, um seine Familie nicht zu wecken. Michel wollte seiner Familie den Abschied ersparen. Er öffnete ein letztes Mal den Kühlschrank, nahm sich ein Augustiner und trank es genüsslich auf der Terrasse, sein letztes Bier in Bayern.

















Von Noah Nelson Nash

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